De Weinschenker

Genieten

Degustatie-Manie

Degusteren is "in". Kaum daß sich drei, vier einigermaßen interessierte Menschen beim Wein treffen, wird eine Degustation daraus.
"Zeige mir bitte das Etikett nicht!", heißt es da. Oder: "Kannst du den nicht vielleicht in eine Karaffe füllen? lch möchte ihn unbedingt anonym verkosten!"

Und dann geht es los, das Mit-zugekniffenen-Augen-über-den-Rand-hinweg-Blinzeln, das Schnüffeln, das Schlürfen, Kauen, das Bepunkten und Anschließend-darüber-diskutieren. Robert M. Parker, Michel Bettane und Michael Broadbent lassen grüßen.
Die verhüllten Flaschen leeren und die Geschmackseindrücke vermischen sich. Ist das normal?

Mein Freund Anselm - wie sein Name schon andeutet ein geschmäcklerischer Mensch - lehnt solches Treiben ab. "Verschone mich bitte mit deinen Degustationen"! Sie sind nichts anderes als Wein- und Zeitverschwendung. Hast du schon einmal überlegt, wo diese barbarische Übung eigentlich erfunden wurde? "Verkostet" und bewertet ein vernünftiger Mensch, ein Genießer gar, seine Huitres au Champagne, die Fegatelli alla Toscana, die Lammfüße mit Sauce Poulette, die zuppa inglese, oder ißt und genießt er sie? "Verkostet" man Bücher? Einen Klavierabend mit Michelangeli? Eine Geliebte?
Ja, Händler, Krämerseelen, die müssen verkosten; sie wollen ja auch verkaufen, Geld machen. Aber ich? Warum soll ich denn den Genuß, aufschieben oder gar vergessen, nur weil ich ‘wissen’ will, ob 86, 87 oder gar 88 Punkte für ein anonymes dunkelrotes Getränk im Glas vor mir angemessen wären?

Ist dir schon mal aufgefallen, daß die Vorsilbe "ver" oft einen Mißbrauch kennzeichnet?
Genau so ist es mit eurem ständigen Verkosten.- Spricht's, greift nach der vor ihm stehende Flasche, studiert nachdenklich das Etikett und schenkt sich dann ein.
Ein 75er Léoville will begrüßt sein, und zwar an der Tür. Dem darf man nicht mit verbundenen Augen irgendwo begegnen und ihn vielleicht gar nicht oder zu spät erkennen. Majestäten haben Ansprüche! Wer diese nicht achtet, dem zeigen sie die kalte Schulter!
Zugegeben, ich habe manchmal das Gefühl, die Wahrheit sei auf seiner Seite. Hat er nicht recht? Sind das nicht Possen, die wir da treiben?
Erwachsene Leuten mit seriösen Berufen und Familie verbringen ganze Abende damit, nicht über einen faszinierenden Film, das neue Buch von Isabel Allende oder Ingo Schulze, die Leonardo-Beuys-Ausstellung im Haus der Kunst zu diskutieren, sondern über die Reduktion eines Weins auf einen Zahlenwert, der in neun von zehn Fällen zwischen 84 und 92 liegt.
Aber dann beschließe ich doch, mich argumentativ aufzuraffen: "Wie kommt man denn zu eigenen Qualitätsmaßstäben, wie wird man unabhängig, wenn einem von Anfang an die Trompeten von Chateau Gloria den Marsch blasen, die Segel von Beychevelle Rückenwind geben, die beeindruckende Pforte von Lascombes zum Eintritt bittet oder der Stern des Sassicaia zur Nacht leuchtet?"
die guten alten zeiten Trinkt das Auge nicht mit, weiß man denn nicht ziemlich genau, daß der Wein mit diesem oder jenem Etikett eben "gut", sein Geld wert, irgendwie überzeugend sein muß? Und haben unter diesen Auspizien Weine unbekannterer Provenienz, wie zum Beispiel mein herrlicher Nero d'Avola von Cusumano, mein Madiran von Domaine des Bories, mein Macon Laroche von Chateau de la Greffiere, meine Reserve Conde de Valdemar oder mein Saumur-Champigny von Pisani-Ferry überhaupt eine Chance?
Ist denn der Erfolg der großen Weine nicht auch - und bei manchen Gütern vor allem - ein Marketing-Produkt, Ergebnis einer Selbstdarstellung, die manchmal bereits 1855 so perfekt war, daß ihre Wirkung bis heute anhält? Und sollen wir so etwas unter Schädigung der eigenen Börse auch noch unterstützen, indem wir uns durch einen Namen blenden lassen?
so ist es besser Ich habe die abschließende Antwort noch nicht gefunden, aber wenn ich so loslege, wird auch mein lieber Anselm etwas unsicher und ist drauf und dran zuzugeben, daß seine wohlerworbenen und zweifellos tiefen Kenntnisse zunächst einmal mit Mund- zu-Mund-Propaganda, mit wohlwollenden Artikeln in bunten Zeitschriften, ja hier und da sogar mit dem Respekt vor einer teilweise über Jahrzehnte durchgehaltenen verwegenen Preisgestaltung begannen.
Aber andererseits werde auch ich den Verdacht nicht ganz los, daß bisweilen etwas übertrieben wird beim Dauerverkosten in Wohnzimmer und Weinbar und daß der Genuß dabei manchmal auf der Strecke bleibt.
Dann hole ich einen 90er Beaucastel aus dem Schrank, schaue mir das Etikett mit dem geteilten Wappenschild und der steilen Unterschrift von Pierre Perrin ganz genau an, blättere ein wenig in meinen Erinnerungen, bis ich die von knorrigen alten Weinstöcken gesprenkelte steinige Hochebene südlich von Orange, mit dem weiten Blick bis hinüber zum Mont Ventoux, und das Gutshaus mit dem stillen Brunnenbecken vor mir sehe.
Schenke ein, spüre den vertrauten Hauch von reifen Brombeeren, Sattelleder, Kräutem, Backpflaumen und vergesse alle 5er-, 20er-, 80er- und 100er-Skalen.(J.S.+Krimm)

Proost   Zum Wohle   Prosit   Salute   Cherio   Sante
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